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Hohenlohe-Gymnasium Öhringen
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74613 Öhringen

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Abiturjahrgang 1959

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Und dann dies Stimmengewirr und dies wärmende Lachen, welche mir entgegenschollen. Da standen sie mit ihren Sektgläsern, in vorfrühlingshaft-bunten Kleidern, in überwiegend dunklen Anzügen und seriös-leuchtenden Krawatten und mit festlich-lachenden Gesichtern.

Alle schienen zugleich zu sprechen. Niemand mehr wollte dem anderen zuhören. Alle sprachen die anderen mit Namen an. Und mit dem: "Weißt du, wer ich bin?" So fragten sie zahllose Male: meine Klassenkameraden von damals, von einer sehr weit zurückliegenden Zeit. Der Weizsäckersaal im ehemaligen Stiftsherrengebäude - die ursprüngliche Aula, der Zeichensaal des alten Progymnasiums - präsentierte sich in neu gewonnener Pracht und restaurierter Herrlichkeit.

Allesamt standen sie da, mit Gläsern voller Sekt und Orangensaft. Sie blickten und lachten und sprachen. Und sie blickten mit neugierigen, suchenden Augen jedem Neuankömmling entgegen.

Wer ist dies? Woher kommt jener? Welcher Name ist diesem Gesicht, welche Erinnerung an gemeinsames Erleben jenem Menschen mit dem freundlichen Gesicht zuzuordnen? Unablässiges Suchen, Erkennenwollen von Gesichtern, von Namen, von längst versunkenen Erinnerungen waren in den Räumen. Was für eine Freude war zwischen den Vierzig Jahre-Abitur-Feiernden, den Initiatoren des langjährigen Stammtisches im nahen Friedrichsruhe und all den Gästen von so weit, so nah. Allesamt lachten sie, waren heiter für den Morgen nahe der Stiftskirche, in einem Saal, der nach einer der großen Familien des Landes benannt worden war: der Weizsäckersaal - benannt nach einer Familie, der Schule über viele Generationen verbunden. Da kann man einen Stadtschultheiß finden in ihrer Geschichte, einen Apotheker, einen Stiftsprediger, einen Theologieprofessor gar an der Universität in Tübingen. Und - eben - auch Müller, die über lange Zeiten eine Mühle in einem nahen Dorf betrieben hatten, mit Pferden, denen man in jener Zeit die Augen verbunden hatte.

Menschen waren da an diesem kühlen Vormittag, die unsicher lachten, während sie ihre Namen preisgaben. Die fühlten, die in solchen Augenblicken des Fragens erkannten, dass sie versunken waren in der Erinnerung an Jahre, welche in einem Saal gefeiert sein sollten, der noch immer voller Gerüche von Malkreide und Malpaste schien. Ach, wäre dies tatsächlich so gewesen an diesem Morgen: das Riechen von frisch gemischten Farben und das Abenteuer der Gestaltung von Themen, welche ein längst verstorbener Zeichenlehrer in kurz-weißem Mäntelchen uns verkündete - stets mit nach vorn gestelltem linken Fuß, stets die rechte Hand in die Hüfte gestemmt. Und dabei seine Unterlippe ob all der neuerlichen Einfälle triumphierend nach vorne schob.

Das Treffen der Vierzigjährigen war ein seit langem vorbereitetes Fest. Nachdem der ehemalige Klassensprecher seine Rede gehalten hatte, ging der derzeitige Leiter des Gymnasiums, gekleidet in diskretes Blau und Grauweiß, sehr weit zurück in die Zeit, nur behutsam die jüngsten Jahre berührend.

Über eine lange Geschichte war zu berichten. Über Wurzeln, die tief bis ins Mittelalter reichten. Über eine Schule, die zu den ältesten des Landes gehört. In einer Sprache, die von profunder Bildung und historischer Kenntnis zeugte, wurden weite Zeitbögen gespannt: von der Schule des Öhringer Chorherrenstiftes; von der Gründung der Lateinschule, des hohenlohischen Landesgymnasiums durch die Grafen zu Hohenlohe während der Zeit der Reformation; von dem Verlust gymnasialer Würde nach der Übernahme Hohenlohes durch das Königreich Württemberg; und, schließlich, von jenem Fest nach hundertfünfzig langen Jahren, als siebzehn ungemein gestresste Schüler dann erneut ihre Prüfung zum Abitur ablegen konnten.

Nach all den wohl formulierten Reden, nach einem herzhaften Mittagessen, begleitet von einem Jazzspielenden alten Klassenkameraden am Klavier, ereignet es sich ein so nicht erwarteter Höhepunkt der festlichen Tage: wir machten uns auf zu den Baulichkeiten des neuen, des inzwischen auch längst alten Gymnasiums, in welchem wir vor vierzig Jahren Abiturienten wurden. Die Stunde wurde zu einer in Augenblicken ergreifenden, auch schmerzlich berührenden Reise zurück in eine Zeit, die grau geworden schien. Aber während wir durch die Flure gingen, eher scheu und unsicher und behutsam, da ereignete sich ein Wunder. Längst verschüttet geglaubte Erinnerungen quollen hervor, brachen sich Bahn während der gymnasialen Spazierwege. Die spartanischen, eher kalt-hässlich gestalteten Gänge waren - noch immer -so voller schulischer Trostlosigkeit und Einsamkeit. Aber dann öffnete sich eine Tür zu jenem Raum, in welchem wir Jahre verbracht hatten, die Jahre bis zu der Verkündung der Prüfungsergebnisse zum Abitur durch eine strenge Kommission aus dem fernen Stuttgart.

Es wurde eine Reise in einen Raum, in eine Zeit, die gänzlich stillzustehen schien. Die Bänke, die Stühle, die Wandtafel, die Wände, die Luft vor allem: alles schien ganz so, als ob die Zeit angehalten worden wäre. Und mit ungläubig unsicheren, zaghaft lächelnden Gesichtern drangen wir ein. Suchten wir instinktiv unsere Bänke, unsere Stühle. Und nahezu alle fanden wir jene Orte einer Zeit, die wir nun feiern, die wir festlich begehen wollten.

Während wir auf den Holzstühlen saßen, dicht hinter den Bänken, glaubten wir unversehens die Filzpantoffeln zu erblicken, die in jenen Tagen mit größter Regelmäßigkeit durch die Lüfte flogen. Und meine eigenen Erinnerungen nahmen Besitz von mir. Ich glaubte, sie allesamt vor den Bänken zu sehen: die längst verstorbenen Lehrer für Latein und Mathematik, für Deutsch und Geschichte, für Religion und Philosophie. Und jenen so liebenswerten Lehrer für Biologie, dem ich unlängst in der Stadt begegnet bin.

Ich glaubte, jenen Lehrer für Latein zu erblicken, wie er da saß: hoch aufgerichtet, mit in der Regel sehr ernstem, gelegentlich versteinertem Gesicht. Wie wir da saßen - auf der Spurensuche von lateinischem, römischem Geist. Auf der Suche nach Sallust und Ovid. Und eine einsame Hilflosigkeit war oft auf unseren Gesichtern - bei Texten, die uns vielmehr Rätsel als Offenbarung aufzeigten. Da waren jene unvergesslichen Stunden mit einem Meister der Mathematik, der die dünne Luft dieser reinsten der Wissenschaften zu genießen schien. Der immer neue, kühne Formeln der Wandtafel anvertraute - unentwegt mit der linken Hand in der Hosentasche. Da war eine ältere würdige Dame, hoch aufgerichtet, unnahbar an ihrem Tisch sitzend. Sie zelebrierte Schiller, den jungen Hölderlin und Goethe. Und plötzlich glaubte ich es wieder zu hören, jenes unvergleichliche "Es schlug mein Herz: geschwind zu Pferd! ..." des jungen, stürmisch-liebenden Goethe in seinem Gedicht "Willkommen und Abschied".

Einen jugendlich wirkenden Lehrer für Religion und Philosophie schien ich zu sehen, der Geist und seltsam durchkühlte Gläubigkeit verbreitete. Der mit seinen sorgsam gepflegten Gamaschen, stets ausgewählten Krawatten und gestärkten Hemdkragen, aber auch mit immer neuen Karikaturen erfreute und unablässig überraschte. Da waren Lehrer, die uns für ein Leben prägen wollten. Lehrer, die zuweilen gequält lächelten über unsere Streiche und Unwissenheit. Die ernst waren und abweisend, auch offen und herzlich. Oft auch ihr Bestes geben wollten: über die Geschichte, die Geographie, die Chemie, die Biologie, die Physik. Und die Musik. Und über alles sonst Wissenswerte in jener Zeit. So saßen wir nun in unseren eng erscheinenden Bänken. Alte Zeiten waren in den Raum hereingebrochen. Blicke schienen mit zu begegnen von "da vorn": die Stimmen der Lehrer, der Pauker; ihr Dozieren, ihr Schweigen. Es waren Augenblicke voller Erinnerungen, während wir da saßen - und Filzpantoffeln durch den Raum zu fliegen schienen.

Melancholie fühlte ich, eine leise Trauer, als ich den Raum wieder verließ. Und ich glaubte ihn erneut zu sehen: jenen Lehrer für Zeichnen und Malkunde, wie er einst auf dem Schulhof stand, zur ersten morgendlichen Pause. Den linken Fuß leicht nach vorne gestellt, den rechten Arm in die Seite gestemmt. Und mit Augen, die unentwegt zu beobachten, zu prüfen, zu skizzieren schienen.

Und das Ende solch' festlicher Tage? Vornehm wurde gespeist und getrunken im ersten Haus der Stadt. Und der Morgen danach gehörte der Besteigung des Turms der altehrwürdigen Stiftskirche, ganz so wie damals: als wir in aller Heimlichkeit über geheime Gänge und Dachböden zum Turm vordringen wollten in einer der freien Stunden am Morgen, am frühen Nachmittag. Aber alles war anders als früher. Die Beine wurden rasch müde und schwer während des Ersteigens der engen, steinernen Stufen. Und welch ein mittelalterlicher Empfang dann über den Dächern der alten Stadt: ein Bäcker, der Turmwächter aus Passion, hatte die morgendlich müde Gesellschaft nach oben begleitet, begrüßte sie mit Wein und mit Brezeln. Die Blicke nach unten, weit über die Stadt, machten leicht - und nachdenklich zugleich. Die Vergangenheit hatte mich eingeholt, waren mir begegnet mit Lachen und grüblerischem Schweigen. Und so voller Leben noch immer. Die Blicke verharrten im Alten, sie erhofften im Alten das Neue. Auf Spurensuche waren sie. Nach Zeichen suchten sie - suchte ich, mit denen sich leben lassen könnte in einer Zeit der unablässigen, oft unbarmherzigen Veränderungen.


Autor Hans Dieter Eheim stammt aus Windischenbach. Der Diplom-Psychloge war jahrelang Mitarbeiter am Bundesinstitut für Berufsbildung in Berlin. Seit kurzem ist er im Bundespresseamt tätig. Von ihm ist auch das Buch "Leben unter Scheunentoren", Hohenloher Druck- und Verlagshaus Gerabronn. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Autors und der "Hohenloher Zeitung".

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