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Öhringen und seine Juden - Schlaglichter auf ihre Nachkriegsgeschichte

Vortrag von Walter Meister gehalten am 8.November 1998 in der ehemaligen Synagoge

Unsere heutige Feierstunde ist für mich beherrscht vom Gefühl der Trauer und Scham, vermischt aber auch mit ein wenig Freude und Genugtuung. Ich trauere über die Zerstörung des jüdisch-christlichen Zusammenlebens in dieser Stadt - für mich keine notwendige geschichtliche Entwicklung -, und ich schäme mich der dabei im deutschen Namen verübten Verbrechen. Ich erinnere an die "Reichspogromnacht" vor 60 Jahren und an den Weg zur "Endlösung", der zur Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der Juden in Öhringen, in Deutschland und Europa führte. Ich freue mich heute aber auch darüber, dass wir eine Gedenktafel vorgestellt bekommen, die in würdiger Weise an die Vergangenheit dieses Hauses und an die einstige jüdische Gemeinde in Öhringen erinnert.
In dieser Gedenktafel sehe ich eine weitere Station auf dem Weg der "Heimholung" der Öhringer Juden in ihre frühere Heimat. Natürlich können wir "Heimholung" nur in Anführungszeichen setzen, weil es sich nur noch um eine symbolische Heimholung handeln kann und weil für allzu viele der einst Davongejagten unsere Anstrengungen zu spät kommen. Ich weiß aber, dass einige der noch Lebenden die Ereignisse in Öhringen aufmerksam verfolgen und für jedes Zeichen dankbar sind. In diesem sehr engen Sinne möchte ich hier von "Heimholung" sprechen.

Dem Ausdruck "Heimholung" liegt die Einsicht zu Grunde, dass die Beziehungen zwischen Öhringen und seinen ehemaligen jüdischen Einwohnern nicht mit dem 1.12.1941 zu Ende gegangen sind, dem Tag, an dem die letzten württembergischen Juden Stuttgart verlassen haben, um in Riga ermordet zu werden. Das war mir natürlich grundsätzlich immer klar; es bedurfte aber langer Jahre und mancher Begegnung, bis ich begriff, was das wirklich bedeutet. Durch meine Herkunft als Kind dieser Stadt ungewollt in ihre Nachkriegsgeschichte verwickelt, bin ich sehr spät und als Volkshochschulleiter eher routinemäßig auf das Thema "Juden in Öhringen" gestoßen, habe dann aber als Mitglied des "Arbeitskreises Zeitgeschichte" diese Verwicklung als Chance und Aufgabe begriffen. Auf diesem Hintergrund möchte ich meine folgenden Ausführungen verstanden wissen, die nicht noch einmal die historischen Ereignisse selbst in den Mittelpunkt stellen, sondern deren Nachwirkungen und Nachleben nach 1945. Dabei kann ich jedoch nur subjektiv begrenzte und teilweise eher zufällig wirkende Schlaglichter auf die sehr vielschichtigen Nachkriegsbeziehungen werfen. Einige Schlussfolgerungen und Ergebnisse allerdings, so hoffe ich, sind über den Öhringer Rahmen hinaus gültig.
Die Entscheidung, heute nicht unmittelbar von der Judenverfolgung in Öhringen während des 3. Reiches zu sprechen, lässt sich auch mit dem Hinweis rechtfertigen, dass zwei wichtige Darstellungen zur Geschichte der Öhringer Juden veröffentlicht sind. Norbert Strauß gibt im Heimatbuch “Öhringen Stadt und Schloss” von 1988 im Rahmen der allgemeinen Geschichte Öhringens und gestützt auf eigene Forschung erstmals einen systematischen Überblick über die Entwicklung der jüdischen Gemeinde ab 1914. Es ist ihm damit gelungen, die Ereignisse aus der notwendig subjektiven Erinnerung und Beurteilung auf eine objektivere Ebene zu heben und die persönlichen Erfahrungen in den allgemeinen geschichtlichen Zusammenhang einzufügen. Indem die Ereignisse in Öhringen so “Geschichte” geworden sind, ist auch eine distanziertere und mehrschichtige Betrachtung möglich geworden.
Auf dieser Grundlage hat dann der “Arbeitskreis Zeitgeschichte” der Volkshochschule weitergeforscht und alle auffindbaren Adressen von Öhringer Juden angeschrieben. Der Leiter dieses Arbeitskreises, Reinhard Weber, hat ideenreich immer neue Geschichtsquellen erschlossen, die Arbeit koordiniert, Ergebnisse formuliert und die Stadt Öhringen als Herausgeber und Geldgeber für eine Dokumentation gewonnen.
Der wichtigste Schritt war aber noch zu tun. Schon der Besuch von Werner Merzbacher anlässlich der Benennung einer Straße nach seinem Vater, dem Öhringer jüdischen Arzt Dr.Julius Merzbacher, war ein wegweisendes Ereignis. Nun aber galt es, alle noch lebenden in Öhringen geborenen Juden einzubeziehen :
Der Arbeitskreis schlug vor, ihnen in Öhringen persönlich die neu erstellte Dokumentation zu überreichen und sie offiziell für eine Woche nach Öhringen einzuladen. Es war wieder Reinhard Weber mit seiner Beharrlichkeit, seinem Verhandlungsgeschick und seinem Sinn fürs praktisch Mögliche, der entscheidenden Anteil am schließlichen Erfolg dieses Unternehmens hatte. Unterstützt wurde er von den Mitarbeitern des Hauptamts der Stadt Öhringen, von den Mitgliedern des Arbeitskreises und nicht zuletzt von den Öhringer Kirchengemeinden. Von der nicht zu überschätzenden Bedeutung dieses Besuchs für die Gäste soll noch die Rede sein.
* * * * *
Meine Damen und Herren, einige unter Ihnen werden sich jetzt etwas unbehaglich fühlen, denn sie wissen nur zu gut, dass der lange Weg zum Heimattreffen der Juden, zu den Veröffentlichungen und zur Gedenktafel nicht ganz so unumstritten und geradlinig war, wie man es meiner bisherigen Darstellung entnehmen könnte.

Als ich vor 25 Jahren wieder in meine Geburtsstadt Öhringen zurück kam, musste ich nach mehreren Gesprächen den Eindruck gewinnen, die jüdische Geschichte Öhringens werde absichtlich totgeschwiegen, ältere Leute hätten spezifische Gedächtnislücken und die Spitze der Stadtverwaltung sei - gelinde gesagt - uninteressiert. Der Grund dafür sei vor allem, dass es in Öhringen zu viele einstmals jüdische Geschäfte gebe, deren heutige einflussreiche Inhaber nicht an die früheren Besitzer erinnert sein wollten. Nach längerer eigener Erfahrung mit diesem Thema halte ich die skizzierte Ansicht für ein schwer entwirrbares Knäuel aus reiner Wahrheit, übler Nach- rede, Unterstellung und Unwissenheit - eine Mischung, die entsteht, wenn man über ein Thema nicht wirklich sprechen kann, weil man dem Gesprächspartner ständig "Absichten" unterstellt, sei es aus der Angst, der Fragesteller wolle einen "entlarven" und "bloßstellen", sei es aus der Vermutung, der Zeitzeuge nütze die Gelegenheit, peinliche Vorfälle zu vertuschen oder schönzureden. Nicht ohne Bedenken versuche ich im Folgenden, einige wenige Fäden aus diesem Knäuel herauszuziehen.
Rückblickend ist es schon auffällig, dass es langer Jahre und mehrerer, von einander unabhängiger Initiativen Öhringer Bürger bedurfte, bis auch nur eine schlichte Informationstafel an diesem Gebäude angebracht wurde. Und mit Erleichterung höre ich, dass dieses Gebäude im nächsten Jahr endlich neu verputzt werden soll, könnte man doch sonst leicht auf Hintergedanken kommen, zumal ein früherer Stadtbaumeister schon einmal den Gedanken äußern konnte, am liebsten würde er dieses nutzlose Gebäude abreißen.

Das Hin und Her um die Merzbacher Straße mag sicher auch sachlich begründbar sein, eine Diskussion im Gemeinderat über die Einladung der Öhringer Juden ist in einer Demokratie sicher unumgänglich - die Art und Weise jedoch, wie man mit solchen Themen umging, ließ auch verständnisvolle Betrachter auf Gedankenlosigkeit und mangelnde Sensibilität schließen.

Sieht man von den provozierend zur Schau gestellten "Gedächtnislücken" ab, können diese auch Ausdruck eines verständlichen und berechtigten Selbstschutzes sein, zumal in einer Kleinstadt.Während der Vorbereitungen der Volkshochschul-Ausstellung zur Geschichte der Öhringer Juden, fragte mich ein guter Bekannter: “Stellst du meinen Vater auch aus?" Es lag nie in unserer Absicht jemanden "auszustellen” oder zu “entlarven”. Für die Ausstellung haben wir alle Namen sorgfältig getilgt, lebte doch z.B. jener unglückliche Pimpf noch, der einmal Anlass zu Dr. Merzbachers Verurteilung war und den seine Kindersünde immer wieder einholte, weil sein voller Name anlässlich des Merzbacher-Prozesses in der damaligen Zeitung stand.

Wie heikel Namensnennungen immer noch sind, zeigt ein anderer Vorfall. Eine amtliche Beurkundung in einem Pass hielt ich zunächst für unverfänglich und ließ daher den Namen des Beamten stehen. Das Dokument sollte möglichst echt aussehen. Schon beim 1. Rundgang hat dann ein Kollege angesichts des in Öhringen nicht unbekannten Namens auf alle "die kleinen Rädchen" hingewiesen, ohne die “das große Räderwerk der Diktatur" nicht habe funktionieren können. So richtig diese Feststellung ist, so falsch und ungerecht ist es, sie an einem zufälligen Namen aufzuhängen.
Das brisanteste Thema habe ich schon gestreift und will es hier keinesfalls aussparen. Seit meiner frühen Kindheit verbinde ich das Thema der ehemals jüdischen Geschäfte mit der Vorstellung des Hinter-vorgehaltener-Hand-Redens. Im Zusammenhang mit der Diskussion über die Einladung der Öhringer Juden war es dann in einem Kommentar offen in der "Hohenloher Zeitung" zu lesen: Da gebe es doch Geschäftsleute, die sich bei der "Arisierung" an jüdischem Besitz bereichert und jüdische Geschäfte zu Schleuderpreisen übernommen hätten. Schon lange in Öhringen kursierende Verdächtigungen waren nun endlich offen ausgesprochen - ein Fortschritt also, sollte man meinen. Der Kommentar war sicher gut gemeint; indem er aber zwischen einer möglichen restlichen Geldschuld ungenannter Geschäftsleute und der Verpflichtung der Stadt Öhringen, eine Einladung auszusprechen, einen Zusammenhang andeutete, stellte er die Motive des Arbeitskreises in ein völlig falsches Licht: Derartige Rechnungen aufzumachen lag nie in unserer Absicht.

Aufgrund unserer Nachforschungen kann ich noch einen Schritt weiter gehen: Die Verdächtigungen gegen Öhringer Geschäftsleute, die ein jüdisches Geschäft gekauft haben, können in dieser Allgemeinheit nicht aufrecht erhalten werden, sie sind in vielen Fällen sogar erwiesenermaßen falsch. Aus unserer "Dokumentation" geht hervor, dass viele Juden an christliche Freunde und Nachbarn ihrer Wahl verkaufen konnten. Bei einem anderen Geschäft, über das nach meiner Erin- nerung besonders getuschelt wurde, beweisen die vorgelegten Dokumente einen angemessenen Preis - ganz abgesehen davon, dass es bei dem frühen Verkaufstermin keine Notwendigkeit für einen Schleuderpreis gegeben haben kann. Ferner gehörte später wegen der Drohungen und Pöbeleien der SA Mut dazu, ein Judenhaus zu kaufen. Einige der jüdischen Verkäufer hätten ohne das erlöste Geld nicht mehr auswandern können. Das geht in einem verbürgten Fall so weit, dass Max Blum und seine Nachkommen den Kaufmann Eugen Schimmel bis heute als ihren Lebensretter betrachten, weil er ihm sein Geschäft noch 1938 trotz Drohung der SA und nur mit Hilfe eines Bankkredits abgekauft und damit die Flucht in die USA ermöglicht hat. Weithin unbekannt ist auch, dass nach dem Krieg für frühere jüdische Immobilien mehr oder weniger kräftig nachgezahlt werden musste, es sei denn, der frühere Besitzer verzichtet von sich aus darauf, wie es z.B. Max Blum getan hat. Schon deshalb sollte in Öhringen künftig nicht mehr im Zusammenhang mit ehemals jüdischem Grundbesitz von "Schleuderpreisen" gesprochen werden, es sei denn der Tatbestand ist im Einzelfall nachgewiesen.

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Ein noch ganz anderes Erbe aus dem 3. Reich stand zwischen den Nachkriegsdeutschen und den aus Deutschland geflohenen Juden. Eine Jugend, die Juden nicht mehr persönlich kannte, übernahm das Zerrbild der Elterngeneration. So war für mich klar, dass die Viehhändler und Schacherjuden die Bauern ständig betrogen und oft um Haus und Hof gebracht haben. Die jüdischen Geschäfte, besonders die sich ausbreitenden jüdischen Kaufhäuser, hätten durch "unsaubere Geschäftsmethoden" die christlichen (später sagte man "deutschen") in den Ruin getrieben. In der Schule hat man uns dann - im besten Fall entschuldigend - erklärt, weshalb die Juden so geworden sind, wie sie dargestellt wurden: Zu den bürgerlichen Gewerben seien sie nicht zugelassen worden, Grund und Boden hätten sie nicht erwerben dürfen. Das negative Bild selbst wurde aber selten in Frage gestellt, auch wenn die wirtschaftlichen Einschränkungen für Juden schon vor über 100 Jahren aufgehoben worden waren.

So hat die militärische Niederlage des nationalsozialistischen Herrschaftssystems den Sieg der nationalsozialistischen Judenpropaganda nicht verhindert. Diese Propaganda hat die Juden zu Untermenschen gemacht, um sie desto bedenkenloser vertreiben und ermorden zu können. Auch wer der körperlichen Vernichtung entkommen konnte, blieb moralisch vernichtet oder zumindest gebrandmarkt.

Noch bis in unsere Gegenwart bin ich in Gesprächen und Diskussionen immer wieder auf das nationalsozialistische Propagandabild gestoßen. Auf meine Nachfragen nach Namen von Geschädigten und nach belegbaren Vorfällen habe ich bis heute keine Antwort bekommen; man dürfe heute darüber ja nicht offen reden, wie erklärend hinzugesetzt wird. In grotesker Umkehrung der Beweispflicht macht man sich zum Opfer eines angeblichen "Meinungsterrors" und enthebt sich damit jeder Verantwortung für seine Aussagen. Inzwischen erwarte ich allerdings auch keinen konkreten Hinweis mehr, denn schon Ende 1937 sind in Öhringen Bürgermeister, Ortsgruppenleiter und Ortsbauernführer amtlich aufgefordert worden, konkrete Einzelfälle von "Unzuverlässigkeit" jüdischer Viehhändler zu nennen. Die drei "Experten" sind in ihrer Antwort zu einem vielsagenden Eingeständnis gezwungen: "Es ist leider nicht möglich, neue Einzelfälle über die Unzuverlässigkeit des Juden anzuführen, weil die Bauern aus falsch verstandener Ehre nichts mehr aussagen wollen" (weitere Einzelheiten in meinem Aufsatz "Jüdische Viehhändler in Öhringen" in unserer Dokumentation).

Nach dieser eher allgemeinen Darstellung möchte ich wieder an einem konkreten Beispiel demonstrieren, wie nachhaltig die antisemitische Propaganda gewirkt hat. Bei der Eröffnung der Volkshochschul-Ausstellung 1988 bekam ich einige Schreibmaschinenseiten in die Hand gedrückt mit der Bemerkung, ihr verstorbener Verwandter hätte sicher nichts dagegen gehabt, wenn ich seinen Bericht in die Ausstellung aufnehme. Der Verfasser war an jenem 18. März 1933 zusammen mit weiteren Kommunisten, Sozialdemokraten und Juden gefangen genommen, bedroht , geschlagen, durch die Stadt paradiert und fotografiert worden. Am Abend wird er zusammen mit drei Juden ins Heilbronner Gefängnis gebracht. Er berichtet: "Von den Juden, die mir doch fast fremd waren, erhielt ich im Gefängnis einige Mark, weil ich selbst nichts dabei hatte." Erzählt wird ein Akt der Solidarität, der eigentlich selbstverständlich sein sollte und nicht besonders hervor gehoben werden müsste - würde man heute denken. Der Verfasser dachte aber ganz anders und enthüllt sein Weltbild in dem sich anschließenden Kommentar: "Das muss ich zu ihrer [der Juden] Ehre sagen, sie mögen sonst gewesen sein, wie sie wollen. Hier handelten sie anständig, ohne dass ich sie darum gebeten hatte."

Es ist kaum zu glauben: Da erinnert sich einer nach Kriegsende, selbst als Kommunist verdächtigt und selbst ein Opfer des Naziterrors, und meint, eine selbstverständliche Handlung als besonders "anständig" hervorheben zu müssen, weil sie von Juden ausging, die ja anerkanntermaßen ("sie mögen sonst gewesen sein, wie sie wollen") keine Ehre und keinen Anstand besaßen. Wenn selbst unzweifelhafte Nazigegner diese Vorurteile auch noch nach dem Krieg mit sich herumschleppten, dann verwundert es nicht, dass der Weg zu den überlebenden Öhringer Juden, zu den Menschen aus Fleisch und Blut und nicht zu den Projektionen unserer Ängste und Vorurteile, ein so langer und schwieriger Weg war und ist.

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Bis hierher standen die Öhringer im Mittelpunkt meiner Betrachtung und die Art und Weise, wie sie mit der Tatsache umgingen, dass es in ihrer Stadt einmal eine größere jüdische Gemeinde gegeben hat. In einem nun folgenden letzten Teil möchte ich über die in Öhringen geborenen Juden und über ihr Verhältnis zu Öhringen sprechen. Auch hier kann ich wieder nur einige Aspekte herausgreifen, andere sind in unserer "Dokumentation" enthalten. Zu bedenken ist auch, dass meine Kontakte zu Öhringer Juden sich nur auf die letzten 10 Jahre beschränken, also auf Menschen, die bei der Vertreibung noch Kinder und Jugendliche waren.

Schon bei Gesprächen mit Besuchern der Volkshochschul-Ausstellung stellte sich heraus, dass überraschend viele Öhringer auf die eine oder andere Weise mit ihren früheren jüdischen Freunden, Schulkameraden und Nachbarn in Verbindung geblieben sind. Zum Stadtfest 1978 hatten die Schuljahrgänge zum Klassentreffen eingeladen, zum Festprogramm gehörte auch eine Gedenkfeier auf dem jüdischen Friedhof.

Der Arbeitskreis schickte zunächst an alle bekannten Adressen ein gleichlautendes Schreiben mit der Bitte um Mitarbeit. Die meisten der Angeschriebenen sagten uns ihre Unterstützung zu. Einige wollten wissen, wer wir seien und welche Motive wir hätten; einige waren verwundert oder erfreut, dass man sich noch an sie erinnere; andere ermunterten uns geradezu. In einer Zuschrift stand aber auch, es habe sich ja bisher niemand für sie interessiert, ihr Schicksal gehe uns jetzt auch nichts mehr an. In einem anderen Brief stand sogar, nachdem wir sie zuerst vertrieben hätten, wollten wir nun auch noch ihre Geschichte von ihnen haben. Nur wenige Anfragen blieben unbeantwortet, zumeist weil die Adressaten verzogen oder verstorben waren. Ich weiß nur von zwei Angeschriebenen sicher, dass sie absichtlich nicht geschrieben haben.

Der sich anschließende Briefwechsel blieb in der Regel nicht lange sachlich-distanziert. Es war, als hätten einige nur darauf gewartet, nach ihrer Jugend in Öhringen gefragt zu werden. Erinnerungen an eine behütete Kleinstadtjugend stehen im scharfem Kontrast zur Ausschließung und Vertreibung. Andere kamen immer wieder auf dieselben Vorfälle zurück, oft in denselben Worten. Wieder andere beantworteten unsere Fragen eher widerstrebend und kurz, als ob sie die Erinnerungen nur widerwillig aus ihrem Gedächtnis hervorholen würden. Zwei verschwiegen nicht die Pein, die es ihnen heute noch bereitet, wenn sie sich an die verdrängten schmerzlichen Ereignisse erinnern sollen.

Lothar Metzger in Tel Aviv gehörte zu denen, die - wie ich wusste - absichtlich nicht geantwortet haben. Sein Name und das Schicksal seiner Eltern waren mir jedoch von Jugend auf bekannt, da die Familie Metzger von 1931 bis 1939 in der Marktstraße 21, im Haus meiner Großeltern, gewohnt hat. Ich schrieb deshalb einen längeren persönlichen Brief, der erst nach einiger Zeit von Lothar Metzgers Frau beantwortet wurde: Ihr Mann habe nach meinem Brief tagelang nicht richtig schlafen können und sei immer noch sehr unruhig. Deshalb könne er nicht selbst schreiben. Er habe die Vergangenheit bisher verdrängt, aber nun sei sie wieder aufgebrochen. -Dazu muss man wissen, dass es den Eltern Metzger gelungen war, ihre drei Kinder unter materiellen Opfern rechtzeitig nach Palästina zu schicken. Sie selbst allerdings, weil zu alt und zu arm, sind nicht mehr aus Deutschland weggekommen und in Riga ermordet worden.- Frau Metzger kündigte noch an, ihr Mann sei bereit, meine Fragen zu beantwortet, was er dann auch tatsächlich -"im längsten Brief meines Lebens", wie er schreib - getan hat.

Nach dieser Erfahrung sind mir erhebliche Zweifel gekommen, ob unser Vorhaben überhaupt zu verantworten ist: Ist es richtig, sich nach Frieden sehnende ältere Menschen wieder brutal mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren? Sind diese Qualen notwendig, nur um stolz eine Dokumentation vorlegen zu können? Haben ausgerechnet wir Deutsche das Recht, von Juden die Konfrontation mit ihrer Vergangenheit zu fordern, wo doch, wie sich jetzt herausstellte, die meisten jüdischen Eltern ebenso wenig wie die deutschen mit ihren Kindern über diese Vergangenheit geredet haben? Meine Zweifel und Befürchtungen verstärkten sich, als überlegt wurde, eine Einladung nach Öhringen vorzuschlagen: Was wird das Wiedersehen mit Öhringen bei den Gästen auslösen? Was kann eine nicht richtig bedachte Formulierung bei ihnen hervorrufen?

Die Antwort auf die langen Fragen ist kurz: Meine Befürchtungen waren grundlos. Heute weiß ich, dass unsere die Vergangenheit wieder erweckende Fragerei und unser Interesse für ihre persönliche Geschichte nicht nur richtig, sondern sogar notwendig waren. Geradezu überwältigend aber war die Wirkung der Besuchstage in Öhringen. Der herzliche Empfang und die Freude, wieder einmal - oder sogar zum ersten Mal wieder - in Öhringen sein zu dürfen, haben die durchaus vorhandenen schmerzlichen Gefühle aufgewogen. Ein besonderer Glücksfall war, dass der 80jährige Rabbi Bodenheimer wie selbstverständlich seine früheren Schülerinnen und Schüler wieder um sich versammelte und als Sprecher der Gruppe ihren Meinungen und Gefühlen sehr differenziert Ausdruck geben konnte.

"Ich bin mir der großen Bemühungen um dieses Projekt bewusst, durch das Gräben wieder überbrückt wurden, die so viele Jahre offen waren", schrieb Heinz Bloch nach dem Besuch. Ich habe mich über diesen Satz besonders gefreut, weil Heinz Bloch während seines Besuchs eine gewisse innere Unruhe deutlich anzumerken war. Es war, als ob er eine Rechnung offen habe und er nach jemandem suche, der sie begleiche. Geradezu zwanghaft kam er immer wieder auf die Szene zu sprechen, als einst die Handball-Kameraden vor ihm die Tür zugeschlossen hatten. In dieser demütigenden Situation - plötzlich nicht mehr dazu zu gehören, ausgeschlossen alleine vor der Tür zu stehen - schien sich ihm die Erinnerung an Öhringen zu versinnbildlichen. Mit dieser Erfahrung war er noch nicht fertig geworden. - Auf einem Video, das sein Sohn von dem Öhringer Treffen aufgezeichnet hat, wiederholt Heinz Bloch in einem Gespräch mit Rabbi Bodenheimer alle Klischees, die man in den USA über das heutige Deutschland hören kann. Dagegen erklärt ihm Bodenheimer geduldig, aber bestimmt, dass und warum die heutige deutsche Jugend anders sei. Bodenheimer begründet seine Feststellung auch mit den Erfahrungen, die er gerade bei einem Gespräch mit Abiturienten des Hohenlohe-Gymnasium gemacht hat.- Etwa ein halbes Jahr nach dem Besuch in Öhringen erreichte uns ein Brief der Schwiegertochter von Heinz Bloch. In vorzüglichem Deutsch berichtet sie, dass ihr Schwiegervater gestorben ist, und bedankt sich noch einmal für die Einladung. Bis zum Besuch in Öhringen sei Heinz Bloch oft reizbar und unzufrieden, danach aber wie verwandelt gewesen. Mit sich und der Welt im Reinen sei er in Frieden gestorben.

Dass auch für Debora Berg-Kaufmann noch etwas unabgeschlossen war, geht aus ihrem Brief hervor, in dem sie sich für den Besuch bedankte. Sie schrieb: “Nach diesen erlebnisstarken Tagen bin ich mit Öhringen ganz ausgesöhnt. Ich konnte Öhringen erhobenen Hauptes verlassen und kann nun ruhiger sterben." Das prägende Erlebnis, ausgestoßen und wie ein Hund davongejagt worden sein, ist nun zumindest relativiert worden. Es war wichtig, den Ort, an dem man einst gedemütigt und moralisch herabgewürdigt worden war, jetzt "erhobenen Hauptes" verlassen zu können.

Es wäre schön, wenn ich meinen Bericht mit diesem versöhnlichen Satz ausklingen lassen könnte. Aber nachdem Lothar Metzger die Einladung nach Öhringen erhalten hatte, schrieb er mir einen Brief, in dem er seine Bedenken und Vorbehalte gegen einen Besuch - auch im Hinblick auf die vorangegangene Debatte in Öhringen - darlegte. Unter dem Eindruck meiner damaligen eigenen Befürchtungen äußerte ich Verständnis. Lothar Metzger ist nicht gekommen. Nach einem längeren Gespräch zwei Jahre später im Krankenhaus in Tel Aviv bin ich mir heute ganz sicher, dass er mir damals seine Bedenken nur geschrieben hatte, um sie von mir widerlegt zu bekommen. Er ist von Öhringen nie losgekommen, weder von den positiven Gefühlen, die ihm seine deutschnational eingestellte Familie vermittelt hat und die ihn um so verletzlicher machten, noch von seinem Schmerz über Kränkungen und Verstoßung. Beim Abschied bedauerte er zuerst, dass es niemanden in Öhringen gebe, dem er über uns einen Gruß ausrichten lassen könne. Als habe er damit schon zu viel von sich und seiner Verletzung verraten, fügte er bitter hinzu: Eigentlich wolle er in Öhringen auch niemanden mehr kennen. Lothar Metzger ist vor etwa zwei Jahren gestorben.

Ich sprach einleitend von meinem Gefühl der Trauer und der Scham. Ich hoffe, Sie werden diese Gefühle jetzt verstehen und vielleicht mit mir teilen.


Walter Meister, geboren 1940 in Öhringen; Studium von Deutsch, Geschichte, Wiss. Politik und Empirische Kulturwissenschaften in Stuttgart, Berlin und Tübingen; seit 1967 Lehrer in Stuttgart, Seminar Schöntal und Öhringen; zwischenzeitlich 1980 bis 1987 Auslandsschullehrer in Bombay / Indien und 1987 bis 1992 Leiter der Volkshochschule Öhringen.

Weiterführende Literatur:
Stauss, Norbert: Monarchie-Demokratie-Diktatur, in: Öhringen, Stadt und Stift, Öhringen 1988
Jüdische Bürger in Öhringen. Eine Dokumentation des VHS-Arbeitskreises Zeitgeschichte. Öhringen 1993. Erhältlich über die Stadtverwaltung Öhringen (DM 10,-)

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