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Hohenlohe-Gymnasium Öhringen
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Juden in Öhringen

1253 Schon im Hochmittelalter lebten in Öhringen Juden. Damals durften sie keinen Grund besitzen und wurden nicht in Zünfte aufgenommen. Deshalb blieb ihnen das nicht gut angesehene Geschäft des Zinsnehmers.
1348/49 verbreitete sich in Europa die Pest, die aus dem Orient eingeschleppt worden war. 1/3 der Bevölkerung erlag ihr. Es begann ein Gerücht umzulaufen, dass Juden die Brunnen und Quellwasser vergiftet hätten und somit Schuld an der Seuche hätten.
Darauf setzten Judenverfolgungen ein, und die jüdischen Gemeinden in Öhringen, Waldenburg und Hohebach wurden ausgelöscht.
1850 konnten Juden sich wieder in Öhringen ansiedeln.
1869 gründeten sie eine israelitische Religionsgemeinschaft mit einem Betsaal in der Karlsvorstadt.
1888 bauten sie den Gasthof "zur Sonne" in der Unteren Torstraße zur Synagoge um.
1890 wird Julius Merzbacher am 26.02. in Öhringen geboren.
1900 er besucht das Progymnasium und legt in Heilbronn das Abitur mit Preis ab.
1911 legen die Öhringer Juden im Galgenfeld ihren Friedhof an.
1913 schließt Julius Merzbacher sein Medizinstudium ab.
1914 meldet er sich freiwillig zum Ersten Weltkrieg beim Grenadierregiment.
1915 wird er Assistenzarzt und erhält das Eiserne Kreuz 2. Klasse.
1917 wird er Oberarzt und erhält das Ritterkreuz des Friedrichordens mit Schwertern.
1919 eröffnet Dr. Julius Merzbacher seine Praxis in der damaligen Fleischgasse, die der heutigen Marktstraße entspricht. Am 1. 9. zieht er in die Büttelbronnerstraße 6 um.
1923 heiratet er Hilde Haymann aus Konstanz.
1924 wird der erste Sohn Rudolf geboren.
1928 kommt der zweite Sohn Werner zur Welt.
1933 Dr. Merzbacher ist ein angesehener Arzt. Immer wieder verzichtet er, laut Literatur, auf ein Honorar bei nicht versicherten Patienten. Zum Beispiel lag eine Frau mit schwerem Kindbettfieber im Bett. Dr. Merzbacher kam täglich, und als die Frau genesen war und ihm sagte, dass sie die Rechnung nur in Raten zahlen könne, antwortete er:"Habe ich denn eine Rechnung gestellt?".
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Diese Popularität bei den Öhringer Bürgern missfiel den Nationalsozialisten und sie verbreiteten das Gerücht, dass er seine Praxis aufgebe. Im "Hohenloher Boten" vom 28.4. schreibt Dr. Merzbacher : "Entgegen allen umlaufenden Gerüchten übe ich meine Kassen- und Privatpraxis wie bisher aus."

Erinnerungen eines Betroffenen über den Terror der Nazis:
Morgens in der Frühe zwischen 4 und 5 Uhr führten zwei Schupos und zwei SA-Männer eine Hausdurchsuchung durch und beschlagnahmten eine Menge damals noch nicht verbotener Bücher und Schriften. Sie nahmen den Hausbewohner als angeblichen Kommunisten ins Gefängnis mit. Er wurde nach dem Versteck der Bolschewistenfahne und über eine Schießerei ausgefragt. Es wurde ihm angedroht, dass er erschossen würde, wenn er seine Verstocktheit nicht aufgebe. Er wusste zu dieser Zeit noch nicht, dass keinne Schießerei stattgefunden hatte und das alles nur ein Vorwand war. Er wurde auf den Boden geworfen und mit Gummiknüppeln verprügelt und danach in eine Zelle zu den anderen Leidensgenossen gebracht: Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und Parteilose.
Abends mussten alle vorbei an Knüppel schlagenden SA-Leuten auf den Gefängnishof und mussten sich zu einem Foto aufstellen. Die SA hatte dabei einen Mordsspaß, aber vielen Zuschauern war das Lachen vergangen. Sie brachen in Tränen aus oder liefen weg.
Nach dem Foto mussten sie in Marschordnung in einem Umzug mit der SA deren Lieder singen. Drei Nazigegner, darunter auch der hier erzählende Betroffene, werden nach Heilbronn ins Zellengefängnis gebracht.
Diese ganze Aktion der Heilbronner SA, unter dem Kommando ihres Standartenführers Fritz Klein, sollte schon damals geahndet werden. Öhringe hatte den traurigen Ruhm, die erste Stadt in Württemberg gewesen zu sein, in der die Nazis ihren Terror ausübten.

1933/34 Die ersten jüdischen Geschäfte schließen und gehen in "arische" Hände über. Immer mehr Juden wandern aus.
1935 Willkürmaßnahme: Einführung einer Umsatzsteuer für Viehhändler, von der aber "absolut zuverlässige und ehrbare Händler" befreit werden konnten. 6 christliche und 8 jüdische Händler stellten den Antrag auf Befreiung von der Steuer. Die Christlichen hatten Erfolg, die jüdischen nicht, da "die jüdische Rasse nicht als ehrbar und zuverlässig bezeichnet werden könnte."
1935/36 Auf Wunsch des Lehrers dürfen jüdische Schüler vom Unterricht ausgeschlossen werden.
10.11.: jüdische Händler werden vom Öhringer Viehmarkt ausgeschlossen, ihre wirtschaftliche Existenz also zerstört.
23.7.1937 Die Hetze gegen die Juden verschlimmert sich und auch Dr. Merzbacher wird von Jugendlichen aus dem Jungvolk und der HJ schikaniert und beleidigt.
Am 23.7. fuhr Dr. Merzbacher mit seinem Auto von Pfedelbach nach Öhringen, als am Ortsausgang Pfedelbach einer von drei Jungen die Hand zum "deustchen Gruß" hebt und Dr. Merzbacher "Heil Jud" zuruft. Dr. Merzbacher verprügelt den Jungen erst mit der Hand auf beide Backen und dann mit dem Stock auf den Hintern.
Der Pfedelbacher NS-Ortsgruppenleiter hörte davon und veranlasste, dass der Fall angezeigt wurde und der Junge zur amtsärztlichen Untersuchung ging. Dass der Großvater des Jungen Dr. Merzbacher Recht gab, indem ersagte, dass das eine Ungezogenheit sei und sein Enkel die Prügel verdient habe, interessierte niemanden.
Dr. Merzbacher gab seine Tat bei der Polizei zu und der Amtsarzt stellte bei dem Jungen nur drei oder vier graugrüne Streifen fest. Doch für die Staatsanwaltschaft Schwäbisch Hall war es eine eindeutige Sache: Heftige Schläge mit dem Stock auf einen Menschen stellen eine gefährliche Körperverletzung dar.
Ein Strafbefehl wurde beim Amtsgericht in Öhringen beantragt und unter Zubilligung mildernder Umstände sollte eine Geldstrafe von 100 Mark verhängt werden. Ein Öhringer Assessor des Rechtessah darin aber keine ausreichende Sühne für die Misshandlung des Kindes aus dem Jungvolk. An den Staatsanwalt schreib er:"Ich glaube, dass man dieser Tat nur gerecht wird, wenn man sie ansieht als einen Akt, durch welchen ein Jude die Ehre des deutschen Volkes und nicht nur einer einzelnen Person verletzt hat. Den Strafzweck kann hienach wohl nur eine längere Gefängnisstrafe erfüllen."
Dr. Merzbacher wurde zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, vom 8.11.1937 bis zum 8.1.1938.
1938 zieht Dr. Merzbahcer mit seiner Frau nach Konstanz. Seine beiden Söhne lebten schon seit 1936 bei ihren Großeltern. Er praktizierte dort nur kurze Zeit, da die Auswanderung nach England eingeleitet wurde.
Seit Februar gibt es keinen jüdischen Viehhändler mehr in Öhringen. 10.11.: "Reichskristallnacht" (Novemberpogrom). Alles, was sich in den Räumen der Öhringer Synagoge befand, wurde zerrissen und zertrampelt und dann auf den Schillerplatz geschleppt und angezündet.
1939 wird ein großes "J" in die Personalausweise der Juden gestempelt. Die jüdische Gemeinde in Öhringen löst sich auf.
Im Juni erhebt das Finanzamt Konstanz keinerlei Bedenken gegen die Auswanderung Merzbachers nach England. Dr. Merzbacher hat seine "Judenvermögensabgabe" bezahlt. Die "Reichsfluchtsteuer" war auf 16380 Mark festgesetzt worden.
1940 wird der unbenutzte Teil des jüdischen Friedhofes (67 Ar) in Öhringen an einen Landwirt für 1600 Mark verkauft.
Im Oktober werden alle Hoffnungen auf Auswanderung zerstört. Alle Juden aus Konstanz und ganz Baden müssen ihre Wohnungen mit nur 50kg Gepäck und 100 Mark verlassen. Sie werden in Züge getrieben und in französische Lager im unbesetzten Teil Frankreichs gebracht. Dr. Merzbacher und seine Frau kommen in das KZ Gurs. Dort leben sie zwei Jahre.
1941 gibt es in Deutschland die letzten Auswanderungsmöglichkeiten.
Fünf jüdische Familien bleiben in Öhringen, werden aber über Stuttgart nach Riga in den Tod geschickt.
Aus den Lebensgeschichten der einzelnen Öhringer Juden sieht man, dass die, die auswanderten, fast alle in die USA oder nach Palästina flohen, um dort ein neues Leben zu beginnen.
1941/42 werden die meisten Öhringer Juden in Riga, Gurs, Maly Trostinec, Auschwitz, Grafeneck, Theresienstadt oder Lublin-Majdanek umgebracht. Nur ganz wenige überleben.
Dr. Merzbacher und seine Frau werden über mehrere Lager nach Lublin-Majdanek oder Auschwitz transportiert. Dort sterben sie wahrscheinlich 1943. Ihr Tod wird auf den 31.3. amtlich festgesetzt. Ihre Söhne überleben den Krieg.
1944 Ihr Sohn Rudolf leidet sehr unter der Trennung von seinen Eltern und wird in eine Heil- und Plegeanstalt eingewiesen. Auch in den folgenden Jahren ist er in psychischer Behandlung.
1983 stirbt er an Krebs. Sein Bruder Werner lebt seit 1964 mit seiner Familie in der Schweiz.
1991 Am 6.5. hält er anläßlich der Einweihung der Merzbacherstraße in Öhringen eine Rede.
1993 Auf Einladung der Stadt Öhringen treffen sich die überlebenden, ehemaligen jüdischen Einwohner Öhringens.
2000 Im Kreuzgang der Öhringer Stiftskirche werden angebracht, auf denen die Namen der in der Zeit des nationalsozialistischen Terrors ermordeten jüdischen Öhringer erinnernd und mahnend verzeichnet sind.

Anne Mickler/Carolin Himmelhan Klasse 10a 1996

Literatur:
"Jüdische Bürger in Öhringen" Hsg.: Stadt Öhringen, Arbeitskreis Zeitgeschichte der VHS Öhringen
"Ein Öhringer Schicksal - Das Lebensbild des Öhringer Arztes Dr. Julius Merzbacher" Hsg.: Stadt Öhringen, Arbeitskreis Zeitgeschichte der VHS Öhringen

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